exhibitions
Keiichi Tanaami

collages

, Berlin

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  • Women, erotic scenes, superheroes, robots and comic characters inhabit the glaring, opulent universe of Keiichi Tanaami‘s collages. Their imagery is intensive, rich in colors and motives, and visually overwhelming. The works presented at the Gallery Gebr. Lehmann in Berlin come from the late 1960s and the early 1970s. They were created shortly after Keiichi Tanaami‘s stay in the USA and reflect his fascination with the aesthetics of Pop Art and Flower Power. Film industry, music culture and also growing consume and discovery of sexual freedom influenced the young artist at that time.

    Already in his early works, Keiichi Tanaami manages to create the characteristic synthesis of multiple dimensions of times and cultures. Traditional Japanese drawings are combined with comics, photographs of Hollywood stars are overlapped with rockets and tanks, next to medieval motives The Beatles pop up. The mixture of western and eastern cultural images, typical for the artist, not only forms the strong visual aesthetic but also serves as a particular act of reconciliation - as a child Tanaami witnessed the atomic bombings of Hiroshima.
    Emotionally as well as artistically autobiographical, Keiichi Tanaami‘s collages give precious insights into the early, temporarily forgotten creative period of this Pop Art classic.

  • »An einem kalten Tag 2012, während eines heftigen Regengusses räumte ich mein Lager in Setagaya auf. Plötzlich fand ich einen dicken Papierstapel, der in alte Zeitungen eingeschlagen war … Als ich die staubigen Zeitungen entfernt hatte, kamen darunter mehr als hundert leuchtend farbige Collagen zum Vorschein. Ich hatte keine Ahnung, wie, wann und aus welchem Grund diese Blätter entstanden waren und obwohl sie ganz zweifelsfrei von mir stammten, war es mir in diesem Moment völlig unergründlich, warum man sie dort zur Ruhe gelegt hatte, vergessen und verlassen auf dem dunklen Speicher … Während ich sie später in meinem Atelier sorgfältig untersuchte, kamen ferne, verschwommene Erinnerungen zurück, wiederbelebt von den lebhaften Farben lösten sie seltsame Gefühle aus.«

    So beschreibt Keiichi Tanaami seinen Zufallsfund, der hier erstmals in einer größeren Auswahl gezeigt wird. Mittlerweile ist der Künstler zu einem Klassiker der japanischen und internationalen Pop Art geworden. Seine Zeichnungen, Filme, Plattencover, Gemälde und Plastiken gehören zu den spannendsten Wiederentdeckungen der letzten Jahre. Die überraschenden Collagen indes, an deren Existenz der Künstler sich kaum noch selbst erinnern konnte, stammen aus den Jahren von 1969 bis etwa 1972 und füllten damals einige Skizzenbücher in verschiedenen Formaten. Mittlerweile zerlegt, verraten gelegentlich perforierte Ränder noch immer diese Herkunft. Ihre Entstehung fällt in jene Jahre nach Tanaamis erstem, bis heute prägenden USA-Aufenthalt von 1967. Sie spiegeln die geradezu obsessive Lust, mit der er die Bildsprache von Pop und Flower Power für sich entdeckte. Entfesselter Konsumwahn und Visionen scheinbar grenzenloser sexueller Freiheit verschränken sich hier zu explosiven Bildteppichen. Da taucht auch schon mal das cartoonhafte Brillenantlitz von John Lennon auf, als Vorbote von Tanaamis Animationsfilm »Oh Yoko!« von 1973. Überhaupt ist sein Schaffen ohne die damalige Musikkultur undenkbarseine Plattencover für die japanischen Releases von Jefferson Airplane oder den Monkees sind heute wahre Ikonen.

    Doch mindestens ebenso markant wie solche, mit Tusche oder Acryl gezeichneten Selbstzitate, ist der collagierte GrundstockFragmente von unzähligen Druckerzeugnissen, die sich wie ein buntes Rauschen durch die gesamten Zyklen ziehen. Die Provenienz des verwendeten Bildarchivs ist bekannt: Als seine Erinnerung angesichts des Collagenfunds zurückkehrt, fällt dem Künstler der Nachlass seines Onkels ein. Schon als Knabe in den 1940ern hatte er sich im elterlichen Haus in Tokio-Meguro darin vertieft: »Eine enorme, atmende Kollektion von Zeitschriften und Bildpostkarten …, die mehrere Bücherschränke füllte und mir wie ein Berg von Schätzen vorkam. Die unterste Schublade … war vollgestopft mit Fotografien von Deutschlands Führer Hitler und Italiens Diktator Mussolini, mit denen Japan einen Dreierpakt abgeschlossen hatte.

    Es gab Bilder von nackten Frauen in gymnastischen Konstellationen und nackte Männer ... Am meisten fühlte ich mich von dem Kinomagazin Star angezogen, auf dessen großformatigen Titelseiten Hollywoodberühmtheiten wie Gary Cooper oder Jean Harlow vorgestellt wurden.« Das Kind Keiichi saugt solche Botschaften von Ferne und Glamour auch bei seinen häufigen Besuchen in schäbigen Tokioter Lichtspielhäusern weiter in sich auf und genießt diese irrealen Fluchten aus dem Nachkriegsalltag eines gebeutelten, unterlegenen Landes. Mehr als zwanzig Jahre später reist der nunmehr erfolgreiche Grafiker Tanaami in die Vereinigten Staaten und kann sich seiner Faszination für die Traumfabrik, für Superman-Comics, für grelle Werbung und erotische Frauenbilder ganz real an Ort und Stelle hingeben.
    In den Collagen gelingt ihm dann eine dichte Fusion aus den ästhetischen (und gewiss emotionalen) Schlüsselerlebnissen in Kindheit und Jugend. Hier, in den Jahren um 1970, verschränken sich in Tanaamis (letztlich auch autobiografischer) Bildproduktion beides: die schon damals anachronistischen Quellen, in Gestalt des Vorkriegs- und Kriegsarchivs des Onkels, und der zeitgenössische Input. Während sich seine, an Storyboards erinnernden, Zeichnungen jener Zeit eher linear an Filmsequenzen orientieren, so komponiert er in den Collagen ein simultanes Neben- und Übereinander von Bildfetzen, in dem Betrachter mögliche Handlungsstränge frei assoziieren können. Neben den verschiedenen Zeitebenen des Materials verbinden sich in diesen Blättern jedoch auch westlicher und östlicher Kulturkreis. Tanaami verwendet Versatzstücke aus traditionellen erotischen Shunga-Holzschnitten, kolorierte Porträts japanischer Schönheiten ebenso beherzt wie amerikanische Comic-Helden und Zitate aus der europäischen Renaissancekunst. Zudem werfen heute populäre Techniken aus der frühen Manga-Zeit in diesem Konvolut ihre Schatten voraus, auch befördert von Tanaamis Freundschaft zu dem berühmten Zeichner Kazushi Hara. Die künstlerische Koexistenz von derlei transkulturellen Pathosformeln gilt dem Künstler vielleicht auch als persönliche Versöhnungsstrategie: Schließlich waren die weltkriegsbedingten Ressentiments zwischen seinem Heimatland und dem Westen, speziell den USA, in den 1960er Jahren noch nicht restlos abgeklungen. Wenn also in Tanaamis Collagenneben unzähligen Frauenaktenimmer wieder auch schweres Kriegsgerät und Militärs beider Lager auftauchen, so ist dies immer noch als posttraumatische Bewältigungsgeste zu verstehen. »Für mich enthalten die Collagen eine Vielzahl von Bedeutungen und Erinnerungen und sie scheinen mich auch heute mit einer Menge Fragen zu konfrontieren.« (Keiichi Tanaami, 2013)

    Susanne Altmann © 2014